Die Geschichte des ‚Nexus‘

Vor einigen Jahren wurde mir schmerzhaft klar, dass sich oberhalb der 50 (optimistisch ‚Halbzeit‘ genannt) einiges nicht mehr so gut anfühlt wie als junger Spund. Dazu gehörte unter anderem die Scharfsichtigkeit, die einen in diesem Lebensabschnitt so langsam in Richtung Gleitsichtbrille schiebt, aber auch die Erkenntnis, dass Knochen und Bänder nicht mehr soooo elastisch sind wie in der Jugend.

Gerade, wenn dann noch Druck von außen kommt – seien es familiäre, berufliche oder finanzielle Stürme – baut sich im eigenen Nacken Spannung auf. Die lokalen Muskeln werden immer fester und rigider, man wird unbeweglicher im wörtlichen und übertragenen Sinne. Später kommen dann ausstrahlende Beschwerden hinzu: die Schulter kann schmerzen, der Ellenbogen tut weh und die Finger kribbeln. Andere haben da Atembeschwerden oder meinen, ihr Herz stolpere.

Man beschäftigt sich mit so was viel tiefgehender, wenn es einen selber trifft, aber manchmal versanden solche Initiativen auch – mangels Alternativen. Eine probate Hilfe bestünde nun darin, die chronisch verkürzten Muskeln zu strecken und dadurch zu  entspannen. Aber dazu braucht man jemanden. Funktionsweise des GlissonsOder man verwendet das gute alte Glisson, eine Schlinge, die unter Kinn und Hinterkopf gelegt wird und dann unter Zug kommt. Dies hatte in den fünfziger Jahren Hochkonjunktur. Nebenstehendes Bild illustriert die Wirkungsweise. Zwei Details machten das Ganze fragwürdig:

* Zum einen stützt sich der Apparat auf den Schultermuskeln ab  – also exakt da, wo durch chronische Verkürzung ohnedies schon schmerzhafte Verspannungen sind.

* zum anderen wirkt es – am Kinn ansetzend – auf den Kau- Kieferapparat, den wir ja möglichst entlasten wollen. Denn Verspannungen aus dieser Gegend sind fast immer mit dabei, wenn es um chronische Nackenverspannungen geht.

Beides nicht ideal – ums vorsichtig zu formulieren. Hinzu kam aber, dass das eigentliche Anlegen dieses Gestells nicht ganz einfach ist und einem durchaus das Gefühl des Eingesperrtseins geben kann.

Ich experimentierte also mit diversen Vorrichtungen, die diese Schwachpunkte vermeiden sollten: meine Versuche zogen am Jochbein, fixierten die Stirn oder stützten sich am Mastoid ab; das ist der dicke Knochenvorsprung hinter dem Ohr. Alles mindestens genauso unvorteilhaft wie das Kuhlmann’sche Glisson.

In meinem Hinterkopf hatte ich aber die Kopfstützen, die ich – z.B. im Afrikamuseum im belgischen Tervuren (hier) in verschiedenen Versionen gesehen hatte. Da wurde immer wieder angegeben, dass diese Stützen zur Schonung der Frisur dienen sollten. Kopfstütze aus dem Kongo

Nun soll man die Eitelkeit seiner Mitmenschen nicht unterschätzen, aber dies schien mir schon weit hergeholt. Wenn man sich auf solch eine Kopfstütze legt merkt man schnell, dass sie einen recht umschriebenen Druck auf den Nacken ausübt. Nachteil bei diesem Stück ist aber, dass der Druck im rechten Winkel vom Boden auf dem Nacken aufkommt und so eigentlich nur wenig Zug entsteht.

Immerhin besser wie nichts und obigem Glisson in so fern überlegen, als man sich schnell und komfortabel drauflegen kann. Man ist auch nicht eingeengt.

Ich hatte in einem Dokumentarfilm gesehen, dass sich die Benutzer ein Stück Stoff draufgelegt hatten, bevor sie ihren Nacken auf dem Kissen betteten. Dies schien mir nach einem Selbstversuch auch durchaus verständlich.

Diese Kopfstützen wiesen mir einen Weg. Und ich bastelte weiter so vor mich hin. Bis eines Tages ein gütiges Schicksal mir die Lösung meines Problems in Form eines rückenkranken jungen Mannes in die Praxis brachte. Zu allem Glück kam noch dazu, dass ich ihm, der er schon Wochen und Monate unter seinen Kreuzschmerzen gelitten hatte, relativ schnell helfen konnte. Dafür wollte er sich erkenntlich zeigen und fragte mich, wie. Da wir immer die Berufe der Patienten auf dem Krankenblatt vermerken – schließlich spielt die Berufsbelastung eine wichtige Rolle – war mir sofort klar, wie man das hinbekommen könnte.

Ich schilderte ihm mein Projekt. Es interessierte ihn und so saßen wir einige Male in den Kneipen um den Rathenauplatz zusammen, um ganz klassisch auf der Papier- Tischdecke Entwürfe zu skizzieren, die wir dann Zug um Zug verfeinerten und konkretisierten. Als nächster Schritt kam ein Styropor- Modell, und dann schließlich eine 3D-Simulation im Rechner. Bis dahin war alles noch relativ billig (sieht man von unserem Weinverbrauch ab). Jetzt kam aber die kruziale Entscheidung: weitermachen oder es dabei bewenden lassen.

Ohne Vorstellung ob das Ganze überhaupt jemals ‚funktionieren‘ würde entschloß ich mich, in den sauren Apfel zu beißen und ein Modell und schließlich eine Gußform zu finanzieren. Da ist man dann einige Tausend €€ los. Mein Produktdesigner hatte mich mit einem kompetenten Spezialisten für Kunststoff- Produkte zusammengebracht, der schon Modell und Form produziert hatte (Polyurethan- Spezialist). Dieses Material wird in OPs z.B. verwendet, wo man es x-fach sterilisieren muß. Es ist völlig unverwüstlich und ich vermute mal, unsere Kissen werden in späteren Jahrzehnten bei Haushaltsauflösungen immer wieder auftauchen (und hoffentlich dann noch Anklang finden).

So entstand der erste Rohling – und ich war in Panik. Das Ding war viel zu hart! Die Schwierigkeit in der Produktion dieser Polyurethanformen liegt darin, dass man keine glatte un belastbare Oberfläche bekommt, wenn man zu viel Treibgas beimischt, d.h. man kann die Formen nicht beliebig weich machen. Wir setzten uns zusammen und es gelang Herrn Ajas und seinem Team, den Schaum so weich zu machen, dass das Kissen nun angenehm zu benutzen ist und wir sogar in der Lage sind, verschiedene Härtegrade anzubieten. Wir fingen dann ganz zögerlich in der Praxis an, die Kissen unter das Volk zu bringen. Immer mit dem Hintergedanken, das nicht zu einem Gemischtwarenladen ausarten zu lassen.

Nun, inzwischen sind mehr als 5 Jahre vergangen und der NEXUS hatte mehr Erfolg, als wir es uns je zu träumen gewagt hatten. Wir haben jetzt etliche verschiedene Härtegrade anzubieten, wobei die wichtigsten beiden in klassich grau (ganz weich) und anthrazit (ehere härter) mit preiswerten Pigmenten produziert sind. Die Zwischenstufen unterscheiden sich nur wenig. Ob man also auf einem grauen oder orangenem Kissen liegt ist nicht sooo wichtig – da spielt eher die Vorliebe für die Farbe eine Rolle. Der mittlere (rote) Härtegrad hat wiederum eine gewisse Berechtigung, aber auch hier gilt dass man da genauso auf orange (minimal weicher) oder gelb (minimal härter) liegen kann. Wir wollten so nicht unnötig teuer sein.

Das war auch der Grund, warum wir uns dagegen entschieden haben, die Kissen allein über den Orthopädietechnik- Fachhandel zu vertreiben. Die müssen einfach anders kalkulieren und da wäre der Preis der Kissen weit über 100€ gelegen.

Wir haben auch lange mit den Dimensionen der Auflagefläche experimentiert. Viele Nutzer des NEXUS sind Frauen und haben uns glaubhaft versichert, dass sie damit  genauso gut zurecht kommen wie so ‚großkopfete‘ Leute wie ich selber. Mehrere Formate anzubieten überstiege auch unsere begrenzten Möglichkeiten.

 

 

Kommentieren